Mittwoch, 25. April 2012

Warum "Der gläserne Mensch" ?


Hintergrund
Als Personen in der Gesellschaft sind wir Träger von Informationen. Wir senden sie pausenlos an die Menschen in unserer unmittelbaren Umgebung. Informationen werden bewusst und unbewusst gesendet, jedoch sagen sie immer etwas über uns aus und setzen das Bild, das man von uns in der Öffentlichkeit hat, zusammen.  Von unserem Gegenüber werden sie genutzt, um uns zu verstehen und einzuordnen.
Wollen wir den Informationsfluss stoppen, so entziehen wir uns einfach der Öffentlichkeit. Das Gesendete verbleibt nun in der Erinnerung. Diese kann verblassen oder sogar vergessen werden.
Wir leben in dem Bewusstsein, dass wir über das Bild, dass andere von uns haben verfügen können. Dass wir uns entwickeln können, Aussagen revidieren und in der Lage sind die Meinungen Anderer ein Stück weit zu beeinflussen.
Dieses Verständnis von Kommunikation mit Anderen tragen wir in soziale Netzwerke – in einen Raum, in dem andere Regeln gelten. Denn jede soziale Community, jeder Anbieter und Inhaber von Rechten stellt seine eigenen Regeln auf.

Digitalen Medien und soziale Netzwerke
Aktion Analog will eben mit diesem Wissen spielen. Das eigene Bett, der heimische Tisch und Stuhl bilden im Atelier 12 die Kulisse für das eigentliche, unsichtbare Exponat: Information.
Information in gewohnter und doch öffentlicher Umgebung. Hier gilt, abgesehen von geltendem Recht, das Hausrecht, ebenso wie in den Social Communitys. Und dieses Hausrecht ist: Alle gesendeten Informationen von Personen innerhalb des Ausstellungsraumes werden für die Öffentlichkeit radikal transparent gemacht. Denn für das WWW gilt:
Gegebene Informationen werden zu Daten. Mit dem Eintritt in die Sphäre der digitalen Medien geraten sie aus dem Kontrollbereich des Users. Der bekannte Satz ,Das Netz vergisst nicht‘, scheint vielen geläufig zu sein. Jedoch ist oft unklar, wie und in welchem Umfang man seine Daten „abgibt“ und wo sie überhaupt landen. Wer verfügt über meine Daten und was geschieht damit?
Fest steht, dass sobald wir den virtuellen Raum betreten Informationen von uns hinterlassen, oder kurzfristig zur Verfügung stellen. Aus technischen Gründen muss Letzteres nicht direkt zu verurteilen sein.
Wie ist es jedoch mit sensiblen, persönlichen Informationen von uns bestellt, die eigentlich nur für einen ausgewählten Personenkreis bestimmt sein sollen? Wird mit den Daten sorgsam umgegangen, sie auch ausreichend bewacht? Fest steht: Es gibt keine sicheren Communities. Die größte von ihnen verhehlt ihre Absichten nicht: Nicht länger „Datenschutzrichtlinien“ sondern „Datenverwendungsrichtlinien“ regeln den Umgang mit den Daten von Facebook-Usern.
Im Netz ist nichts gratis. Für die Nutzung frei zugänglicher Portale wie Facebook, StudiVZ & Co., oder auch Email-Accounts zahlen wir, ohne dass wir es direkt wissen. Denn:

Wir zahlen mit unseren Daten. Wir zahlen mit Information über uns.
Allzu oft setzen wir ganz selbstverständlich ein Häkchen in das „Ich-stimme-zu“-Kästchen von Social Communities, Internet-Shops oder Kundenportalen. Doch sind wir uns dabei bewusst, was mit unseren Daten, unserer Privatsphäre passiert?
845 Millionen aktive Nutzer sind auf Facebook registriert. 78% der Jugendlichen in Deutschland nutzen die Community. Ist es legitim, dass der Konzern jegliche Nutzungsregeln zum Nachteil der Nutzer aufstellen kann? Oder ist das Portal nicht schon längst zu etwas ähnlich einem öffentlichen Gut geworden? Sollten die Nutzer nicht über jegliches Reglement entscheiden?!
Stark bedenklich ist in Bezug auf Facebook ist die gängige Praxis das Adressbuch von angemeldeten nach potentiellen Nutzern zu durchforsten. Emailadressen und Telefonnummern werden so akquiriert und gespeichert, ohne dass die dazugehörigen Personen sich dagegen zu Wehr setzen könnten. Selbst wenn man aus verschiedenen Gründen eine Mitgliedschaft bei Facebook ausschließt, kann man sich dennoch nicht vor der Nutzung und Speicherung seiner Daten retten.
Nicht nur in Bezug auf die sozialen Netzwerke liegen unsere Daten blank. Der Google-Konzern hat seit März seine Richtlinien für die Nutzung der von ihm angebotenen Dienste geändert. Nutzungsgewohnheiten und Inhalte können nun verknüpft, Standorte bestimmt und Telefonnummern erfasst werden. Im Fall von dem Adroid Betriebssystem für Smartphones sogar die privaten Daten von Anrufern.
Angesichts dieser Entwicklungen erheben verschiedene Verbraucherverbände, in einigen Fällen auch die Bundesregierung Klage.

„Der gläserne Mensch. Leben im Schaufenster“ möchte für einen sensibilisierten Umgang mit den eigenen Daten in der digitalen Welt aufmerksam machen, Fragen aufwerfen und die Besucher der Ausstellung zum Denken anregen.




Der Raum
Der Ausstellungsraum des Atelier 12 bildet den Lebensraum der Gruppe. Hier wird gefrühstückt, geschlafen, gearbeitet, gelebt. Die Informationsträger empfangen Freunde und Familie ebenso wie Gäste. Jedoch unter folgender Bedingung: Jegliche Information über die Personen wird transparent gemacht. Den Besuchern wird so ein lockerer, oder fehlender Datenschutz offen sichtlich gemacht. So werden sie Teil der Ausstellung.

Der Eingang
   Ja, ich stimme zu. Hiermit wird der Besucher über der Eingangstür empfangen. Denn er darf die Ausstellung betreten und so selbst zum Medium der Informationen werden, die er der Öffentlichkeit preisgibt. Dies ist das Hausrecht, das auch Social Communities und andere Anbieter anwenden.

Die Statusanzeige
Wie geht es den Bewohnern der Ausstellung? Was haben sie zu sagen? Hier erfährt man es. Natürlich werden sowohl interessante, als auch völlig unbrauchbare und nichtige Informationen preisgegeben.

Die Livevideowand
Der Ausstellungsraum wird mit Kameras aus verschiedenen Perspektiven aufgenommen. Die dadurch entstehenden Blickwinkel auf das Raumgeschehen werden direkt in das Schaufenster und den darin befindlichen Empfangsgeräten übertragen.

Die Vernetzungswand
Auf dieser Leinwand entsteht das Zeugnis der Ausstellung. Jeder Besucher trägt sich dort ein und legt offen in welcher Beziehung er zu den vorherigen Besuchern steht. Die sichtbar gemachte Vernetzung der informellen Gruppe von Ausstellungsbesuchern steht für totale Transparenz.
Facebook-Daten werden auf einem Server in Irland gespeichert. Die Speicherung ist nicht begrenzt und unterliegt nicht dem deutschen Datenschutzrecht. Am Ende der Ausstellung, während der Abschlussveranstaltung am 28. April, wird die Leinwand symbolisch für das notwendige Löschen von persönlichen Daten verbrannt.

Der Blog
Unter der-glaeserne-mensch.blogspot.de erweitert die Gruppe den Ausstellungsradius und dokumentiert das aktuelle Geschehen der Ausstellung mit Bild und Text.


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